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Der Perlenretter
Erwin Hammer geht voran über die wilde Weide. Das Gras ist hoch, der Boden abschüssig und gespickt mit Steinen, die an den Felssturz von 1806 erinnern. «Da, Sommervögel.» Hammer zeigt auf einen wuchernden Blumenbüschel, um den zwei weisse Schmetterlinge gaukeln. Fast kindlich erscheint die Freude im Gesicht des 67-Jährigen beim Anblick seiner «Perle», der Bernerhöhe zwischen Goldau und dem Lauerzersee im Kanton Schwyz.
Hammer zeigt nach unten, auf den kleinen, schilfbewachsenen Tümpel. «Alles weg», sagter immer wieder. All das wäre weg ohne ihn. Auf der Bernerhöhe war eine Deponie geplant, vor über zehn Jahren war das. Ohne seinen Einspruch, ohne seinen Kampf wäre die Landschaft heute so topfeben wie die Nachbarfelder, würde kein Klotz mehr hier herumliegen, um des Felssturzes zu gedenken, der damals die ganze Gegend verwüstet hatte. «Allesweg.» Hammer schüttelt den Kopf. «Da konnte ich nicht einfach zuschauen.»
Das Wäldchen war entscheidend
Ganz oben steht ein Wäldchen. Eigentlicheher ein Baumgrüppchen, aber offiziell doch als Wald deklariert. Und dieser Wald war es, der die Bernerhöhe letztlich rettete. Im Bauvorhaben stand nämlich nichts von diesem Wald, der – «einfach weg» – gerodet worden wäre, um der Deponie Platz zu machen. Dagegen erhob Hammer Einspruch. Erst ganz allein, später sammelte er Geld und rund 2500 Unterschriften gegen das Bauvorhaben. Blieb hartnäckig. Viele Jahre lang. «Die dachten, der Hammer hört dann schon auf», sagter heute. Stolz, nicht bitter. Denn der Hammer, der hörte nicht auf. Verklagte den ganzen Gemeinderat, um Zeit zu gewinnen. Pochte auf sein Recht, dass der Wald nicht gerodet werden dürfe. Und bekam es. Es wird keine Deponie auf der Bernerhöhe geben. Im Wäldchen oben steht der grösste Felsblock, ein Zehn-Meter-Trumm. Darauf wächst Moos, Efeu, sogar ein Baum hat es geschafft, irgendwie seine Wurzeln auf ihm zu schlagen. Und auf den Riesenklotz ist – wie auch immer– ein zweiter, kleinerer Felsblock zu liegen gekommen, in einer zweihundertjährigen, aber fragilen Balance.
«Immer, wenn ich Gefühlsschwankungen habe, denke ich an das Rotkehlchen.»
Hier oben ist Hammers Lieblingsplatz. «Jetzt darf ich ernten», sagt er, und meint das im übertragenen Sinn: Jetzt kann er seine Perle geniessen. Hoch oben steht er, in Khakishorts und Karohemd, schaut durch das lichte Geäst nach oben, von wo die Sonne seinen dünnen, fast weissen Haarschopf durchsichtig färbt. Winzig wirkt er jetzt auf dem Trumm, und doch ist ihm anzusehen, dass er «erntet».
Erwin Hammer trägt sein Herz auf der Zunge. Er redet viel, offenbart nach und nach, wie er es sich zu seiner Mission gemacht hat, die Bernerhöhe vor einer Verbauung zu bewahren. Wie er die Natur allmählich zu seiner Religion gemacht hat. Aufgewachsen ist er im Aargau, auf einem kleinen Bauernhof. «Mein Vater trug immer Sorge zu allem, pflegte den Hof und die Kühe gut.» Doch die paar Kühe und Hühner haben damals nicht ganz ausgereicht, um die Familie durchzubringen, der Vater musste zusätzlich arbeiten gehen. Hammers Bruder machte später die Landwirtschaftliche Schule, von ihm, dem Jüngsten, hiess es: «Der Erwin hat sowieso nicht gern Tiere.»
Hammer wurde Schlosser und Monteur, zog aber bald los und verbrachte zwei Jahre in Südafrika. Dort hat ihn die Apartheid tief getroffen, auf der Rückfahrt nordwärts querdurch den Kontinent hat es ihm die Natur angetan. «Wir haben Abende lang einfach nur gelauscht und kein Wort geredet», erinnert sich Hammer. Er erzählt von Dörfern im Sudan, von den Menschen dort und ihrem Leben. «Diese Einfachheit hat mich bis heute geprägt.» Nach seiner Rückkehr aus Afrika machte sich Hammer bald selbstständig – einzelne Aufträge als Handwerker nimmt er auch heute noch an, er lässt es aber ruhiger angehen. Zeit zum Ernten eben.
Ein kleiner Vogel als Prophet
Wer heute noch behauptete, Erwin Hammer möge keine Tiere, er würde ausgelacht. «Da,die Geisslein», zeigt er auf dem Rückweg vom Wäldchen. Ziegen grasen gerade auf der eingezäunten Weide. Er öffnet das Gatter und spaziert durch seinen Garten. Zucchetti und Gurken wuchern übers Hochbeet hinaus, das Gemüse gedeiht prächtig. Die Bernerhöhe ist Hammers Vorgarten.
Das Haus, das Hammer heute sein Eigen nennt, war lange das Objekt seiner Begierde. Nach der Trennung von seiner Ehefrau hauste er in einer winzigen Wohnung und fuhr jeden Tag an der Bernerhöhe vorbei. Schon da hatte es ihm die Perle angetan. Fünf Jahrelang hielt er es aus, dann kündigte er die Wohnung ins Blaue hinaus und schaute sich im Internet nach etwas Neuem um – prompt war das Haus zum Verkauf ausgeschrieben. Ergriff zu, obwohl er wusste, dass dort gebaut werden sollte. «Ursprünglich sollte die Deponie nur ganz unten entstehen», sagt er. Erst als er erfuhr, dass die ganze Wiese aufgeschüttet werden sollte, entschied er sich, dagegen vorzugehen.
Den Ausschlag, mit seinem Anliegen an die Öffentlichkeit zu gehen, gab ein Vogel. «Ein Rotkehlchen hat sich in meine Wohnung verflogen», erzählt Hammer. «Ich wollte es nehmen, da flog es mir direkt in die Hände.» Mit grossen Kulleraugen schaute der Vogel Hammer an, mit den Krallen scharrte er in seinen Handflächen. «Ich sehe das heute noch vor mir.» Er fragte sich damals: «Erwin, was will mir das sagen?» Die Antwort gab er sich selbst: «Hab Vertrauen.»
So ging er raus, kämpfte mit allen Mitteln für seine Bernerhöhe. Für die Natur, seine neue Religion. Inzwischen ist Hammer Quasi-Vegetarier. Ausnahmen mache er schon, aber: «Fleisch essen stimmt für mich einfach nicht mehr. Ich will Sorge zu den Tieren haben.» Und noch heute denkt er oft an seinen Propheten, das Rotkehlchen. «Immer, wenn ich Gefühlsschwankungen habe, denke ich daran zurück.»
Die Gemeinde lässt sich Zeit
Hammer führt um das Haus herum. Eine Steintreppe führt zur Terrasse, ein Gartenschlauch wird von der eigenen Quelle gespiesen. Heute spuckt er nur, Wasser ist grad knapp. Ein Betonrohbau soll mal als Kleintierstall dienen. Im Moment päppelt er darin zwei Igel auf. «Die kommen von der Auffangstation», sagt er. «Noch ein paar Tage, dann lasse ich sie laufen.» Nebenan hat er wilden Fenchel für die Schwalbenschwänze gepflanzt, ein Strauch zieht schwarmweise Wildbienen an.
Nur die Hausfassade trübt Hammers Naturidyll. Abgeblättert ist sie stellenweise, sogar nicht passend zum sonst so gepflegten Haus des Handwerkers. «Ich warte auf die Baubewilligung», sagt Hammer. «Die Gemeinde lässt sich natürlich jetzt Zeit.» Er sagt es ohne Ärger. Damit muss er nun wohl leben.
Für das Interesse und den Bericht möchte ich mich ganz herzlich bei Matthias Gräub, Adrian Baer und der Tierwelt bedanken.
Die Tierwelt lässt sich im übrigen auch abonnieren.
Prix Courage Nominierung
Prix Courage 2017: Der Gewinner des Sonderpreises, Pfarrer Sieber, und die acht Kandidatinnen und Kandidaten. Bild: Christian Schnur, Joseph Khakshouri
Einst galt Tapferkeit als einer der höchsten menschlichen Werte. Als Kardinaltugend, wie Aristoteles meinte. Heute nennen wir diese Tugend Zivilcourage, doch der Begriff wirkt wie aus der Zeit gefallen. Er begegnet einem kaum noch. Vielleicht auch deshalb nicht, weil sich damit kaum etwas kaufen oder verkaufen lässt. Selbst beim Beobachter verkauft sich die Ausgabe mit den Helden des Alltags weniger gut als fast jeder andere Titel, ob dieser nun einen Missstand anprangert oder konkrete Lebenshilfe verspricht.
Wir sind konditioniert darauf, alles, was geschieht, zunehmend nur noch danach zu bewerten, was es uns direkt an Nutzen bringen kann. Aber Zivilcourage, das Einstehen für ein höheres Ziel als den eigenen Vorteil, ist nichts, was man sich nur überzieht, wenn es gerade Mode ist. Zivilcourage ist eine Haltung, genauso wie der Einsatz dafür.
Aussergewöhnliche Menschen
Deshalb setzen wir auch heute, mit den Nominationen für den 20. Prix Courage des Beobachters, ein Zeichen dafür. Und wir tun das gleich doppelt: indem wir acht Menschen vorstellen, deren uneigennützigen Mut wir als vorbildlich erachten, und indem wir Ihnen einen aussergewöhnlichen Mann vorstellen, den wir mit einem Spezialpreis für sein Lebenswerk würdigen wollen.
Lesen Sie, was die acht Nominierten geleistet haben, um anderen zu helfen oder um wichtige Werte hochzuhalten, und geben Sie Ihre Stimme ab für die Tat, die Sie am meisten beeindruckt hat.
Alle sind sie Helden, doch einer steht für uns ein Leben lang. Es ist ein Mann, dessen Einsatz für andere uns derart lange bekannt ist, dass wir ihn für so selbstverständlich nehmen wie die Institution, die er verkörpert: Pfarrer Ernst Sieber. Dieser Mann lebt Zivilcourage seit vielen Jahren, Tag für Tag. Die Redaktion des Beobachters hat deshalb entschieden, dem Zürcher Sozialkämpfer eine spezielle Prix-Courage-Auszeichnung für sein Lebenswerk zu verleihen.
Couragiert ist auch seine Konsequenz
Denn es ist nicht eine einzelne starke Tat, die Pfarrer Ernst Sieber herausragen lässt, weil er den Mut und die Aufrichtigkeit hat, in einem entscheidenden Moment das Richtige zu tun. Couragiert ist vielmehr die Konsequenz, mit der er, stets unterstützt von seiner Frau Sonja, sein Leben, seine ganze Arbeit in den Dienst für andere stellte.
Pfarrer Ernst Sieber ist mit seinem Durchhaltewillen im Einsatz für die Schwächeren in unserer Gesellschaft ein Vorbild für Zivilcourage. Der Preis soll ihm am 17. November an einem festlichen Anlass in Zürich überreicht werden. An diesem Tag wird die Jury unter der Leitung von Ständerätin Pascale Bruderer auch bekannt geben, wen unsere Leserinnen und Leser sowie die Jurymitglieder mit dem Prix Courage 2017 würdigen wollen. Dafür ist auch Ihre Stimme gefragt. Herzlichen Dank im Voraus.
Erschienen im
Beobachter, 2017
Ein Baum voller Tiere auf der Bernerhöhe
Eulen, Spechte und ein Eichhörnchen: Die ehemalige Zierkirsche des Restaurants Bauernhof in Lauerz wurde zur Skulptur. Bild: Nicole Auf der Maur
Die Zierkirsche im Garten des ehemaligen Restaurants Bauernhof erhielt neues «Leben»: Nachdem sie gefällt wurde, wurde sie zur Skulptur.
Wegen den Bauarbeiten für den neuen «Bauernhof» in Lauerz musste auch die Zierkirsche in der ehemaligen Gartenbeiz gefällt werden. «Mir hat diese Zierkirsche immer gefallen, wenn ich nach dem Spaziergang mit meinem Hund im Gartenrestaurant eingekehrt bin», sagt Erwin Hammer, der einige Meter oberhalb des Restaurants Bauernhof wohnt.
Er hat den Baum deswegen mit einem Kran und Lastwagen abtransportieren und auf der Bernerhöhe als Skulptur aufleben lassen. Pascal Schönmann aus Alosen hat Waldtiere in die Hauptäste geschnitzt. «Enorm, wie präzis er mit der Motorsäge gearbeitet hat», sagt Hammer.
Den Baum sieht man von der Strasse aus, wenn man von Goldau nach Lauerz fährt. Erwin Hammer hofft nun, dass die Zierkirsche aus Lauerz weiterhin vielen Menschen Freude bereiten kann.
Bote der Urschweiz
8. Juni 2017
Vater Courage
Zehn Jahre hat ein Anwohner gekämpft, um eine Deponie zu verhindern
Ein Schwyzer lehnt sich gegen Behörden und eine Baufirma auf, um ein Stück Natur zu retten. Nun gibt ihm das Verwaltungsgericht recht.
Es ist ein idyllischer Flecken. Ein kleiner See, mit Steinblöcken durchsetzte Wiesen und Wald. Die Anhöhe zwischen Rigi und Rossberg bietet einen Blick auf den Lauerzersee. Die Landschaft erzählt die Geschichte vom Goldauer Felssturz von 1806, als von der anderen Talseite Gestein bis hier hinauf geschoben wurde, auf die sogenannte Bernerhöhe. Die Betreiber eines Campingplatzes machen sich die Aussicht zunutze, und ein Wanderweg führt durch die Wiesen talwärts. Bauern bewirtschaften das Land.
Auf der Bernerhöhe wohnt Erwin Hammer. Im März 2006 kaufte er ein Haus mit viel Umschwung. Kurz nach dem Einzug musste der gelernte Schlosser gewärtigen, dass neben seinem Grundstück eine Deponie für Aushubmaterial entstehen sollte, auf einer Fläche von zwölf Fussballfeldern. Die Aufschüttungen wurden ungeachtet der charakteristischen Landschaft geplant. Für Hammer war schnell klar, dass er den Eingriff in die Landschaft nicht hinnehmen würde.
Doch die Gemeindeversammlung überwies die nötige Zonenplanund Baureglements-Änderung Ende 2007. Der Weg für das Muotathaler Tief- und Strassenbauunternehmen Schelbert, das die Deponie betreiben wollte, war geebnet. Der Gemeinderat von Arth hiess das Baugesuch der AG im April 2009 gut.

Erwin Hammer vor der Senke, die mit Deponiematerial aufgefüllt worden wäre.
(Arth, 14. März 2017)
Wald vergessen
Dass ein Wildtier-Korridor durch das Deponiegelände führt und dass auf dem Areal Waldflächen stehen, liessen lokale und kantonale Behörden ausser acht. Dabei ist für das Roden von Wald eine Bewilligung des Bundesamts für Umwelt (Bafu) vorausgesetzt.
Dies nahm Erwin Hammer nicht hin. «Von meinen Eltern habe ich den Gerechtigkeitssinn mitbekommen», sagt der 65-Jährige. Er zeigt auf die bemoosten Steine, schwärmt, wie im Sommer Schafe und Rinder auf den Wiesen weiden, und schweift mit dem Blick zum Lauerzersee. «Es hat sich gelohnt, so lange dafür zu kämpfen», sagt Hammer. Er hat sich an Gemeindeversammlungen gewehrt, Beschwerde gegen die Baubewilligung beim Regierungsrat erhoben, beim Verwaltungsgericht Anzeige wegen Befangenheit der Arther Gemeinderäte erstattet und Unterschriften gegen die Deponie gesammelt.
An Hammers Seite traten schliesslich auch das Bafu und die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) auf. Das Bundesamt beschwerte sich beim Verwaltungsgericht, dass der Wald nicht festgestellt worden war, die ENHK machte geltend, dass ein Naturdenkmal durch eine Deponie gravierend beeinträchtigt würde.
Im Frühling 2012 entschied das Verwaltungsgericht zugunsten Hammers. Aufatmen konnte er aber erst, als die Verwaltungsrichter Ende 2016 – zehn Jahre nach der Orientierung über die Deponie – wieder zum selben Schluss kamen und eine Beschwerde der Schelbert AG abwiesen. Diese sah davon ab, den Entscheid ans Bundesgericht weiterzuziehen.
Die Lokalpresse bleibt stumm. Hammer verkündete deshalb am 8.März per Inserat im «Boten der Urschweiz», dass keine Deponie auf der Bernerhöhe gebaut wird. Im Dorf habe er sich zwar unbeliebt gemacht und gelte als Querulant. Er habe aber auch Unterstützung erfahren. Etwa von der Tochter, dem Sohn und der Ex-Frau oder 2500 Sympathisanten, die 2010 eine Petition gegen die Deponie unterschrieben hätten. Von einem Gönner habe er zudem über die Jahre mehrere Zehntausend Franken erhalten, «um die Schweinereien zu beenden».
Standort bleibt möglich
Die Schelbert AG hat den Standort trotz der Niederlage vor Gericht noch nicht aufgegeben. Die Behörden und die Richter hätten festgehalten, dass es nach wie vor Spielraum für eine Deponie in diesem Gebiet gebe, sagt ein Vertreter der Firma. «Die Schelbert AG befindet sich weiter auf dem Weg zum Ziel.» Das Bewilligungsverfahren auf der Bernerhöhe sei besonders aufwendig, weil neben Kanton und Gemeinde auch nationale Instanzen beteiligt seien.
Der Vertreter der Firma Schelbert kritisiert, dass ein Vorhaben zur umweltgerechten Ablagerung von unverschmutztem Aushubmaterial, die der Öffentlichkeit diene, aus Einzelinteresse langwierig gestört werden könne: «Besonders stossend ist es, wenn Gegner eines Projekts von einem Tag auf den anderen zu Umweltaktivisten werden, aber nur ihre persönlichen Anliegen als Eigentümer und Anwohner verfolgen.»
Dass ihm Eigennutz vorgeworfen werde, treffe ihn nicht, sagt Erwin Hammer. Er sei stolz, die wunderbare Landschaft bewahrt zu haben. «Das war offensichtlich meine Bestimmung.»
Andreas Schmid
NZZ am Sonntag, 2. April 2017
Naturschützer schafft Waldkino
Hier auf seinem Grundstück oberhalb der Gotthardstrasse soll das kleine Waldkino
entstehen, das die Natur pur zeigt.
Bild Silvia Camenzind
Bernerhöhe. Der Goldauer nennt die Umgebung «Perle Bernerhöhe». Für deren Erhalt setzt er sich seit acht Jahren ein, im Kampf gegen eine Deponie.
Der Standort an der slowUp-Strecke ist ideal gewählt, denn viele Teilnehmer legen eine Pause ein, wenn sie von Lauerz kommend die Steigung geschafft haben. Auch diesmal hat Hammer etwas geplant, er sammelt für Insieme Innerschwyz, «den Verein, der behinderte Mitmenschen unterstützt». Im kleinen Wäldchen oberhalb des Parkplatzes zeigt er einen zehnminütigen Film über die Natur vor der Haustür, den er im letzten Jahr bei Künstler Konrad Reichmuth in Goldau in Auftrag gegeben hat. Unten auf dem Parkplatz kocht ein Kollege Risotto. Klappt es mit der Zufahrt über Schleichwege, wird auch ein Drehorgelspieler am Sonntagmorgen eintreffen. Hammer hofft auf spendewillige Passanten, alles ohne Verpflichtung: Man könne etwas geben, müsse aber nicht, sagt er.
Warum tut Erwin Hammer das? Der Naturfreund erzählt eine Geschichte, die ihn tief berührte. Seine Tochter ist Lehrerin. Eine ihrer Schülerinnen sei an Leukämie erkrankt. Nun durfte die gesamte Klasse die Schülerin im Spital besuchen. «Meine Tochter erzählte mir davon. Sie sagte: Das ist viel mehr wert als eine Stunde Geografie.» Da habe es bei ihm klick gemacht.
Im Vorfeld des slowUp hat Hammer nun einiges zu tun. Der Kanton hat ihm die Bewilligung für die Aktion erteilt, die Reismühle in Brunnen spendet Risotto, die St. Jakobs Kellerei Schuler in Seewen ein kleines Fass mit Schlitz, in welches das Spendengeld gesammelt wird. Und das ist nicht alles. Hammer strahlt: «Auch die Schwyzer Kantonalbank spendet einen erfreulichen Beitrag.» Offen ist, wo genau die Leinwand für den Film mit den Impressionen stehen soll. Im Wald zwischen den Tannen? Im offeneren Gelände mit dem Rossberg im Hintergrund? Hammer wird sich je nach Wetterprognosen entscheiden.
Der Naturfreund denkt an die vielen Kinder, die am Sonntag den Hang hochradeln und sich oben freuen werden. «Es gibt aber auch Leute, die das nicht können», gibt Hammer zu bedenken. «Mir geht es auch darum, innezuhalten und die Natur wahrzunehmen», sagt der Mann, der das Ziel hat, die Natur auf der Bernerhöhe für die Nachkommen so erhalten, wie sie ist. 2500 Unterschriften hat er gegen eine Deponie gesammelt. Mit Erfolg. «Das alles hat mir so viel gegeben in meinem Leben», erzählt Erwin Hammer, glücklich, dass er sich getraut hatte, sich zu exponieren.
Angefangen habe es mit einem Schwarm Möven, die neben seinem Haus über der geplanten Deponie kreisten. Er verstand es als Zeichen, hinzustehen und sich zu engagieren. Seit er dies tue, hat er Menschen kennengelernt, die ihn in seinem Tun unterstützen: «Wie bei einem Puzzle passt alles zusammen.»
Bote der Urschweiz, Freitag, 10. Juni 3026